Presseartikel

RNZ vom 2./3.04.2022

Heiligenberg

Entwicklungskonzept für den Heiligenberg

Die Kultur der Kelten soll „erlebbarer“ werden. Das Förderprogramm des Landes soll dabei helfen.

OB Würzner (4. v. r.) tauschte sich mit einer Expertenrunde über die Möglichkeiten aus, die keltische Vergangenheit des Heiligenberges erlebbarer zu machen. Fotos: Bechtel

Von Manfred Bechtel

Heiligenberg. Der Heiligenberg ist einer der interessantesten Berge in Deutschland: Die Kelten bauten auf den Kuppen eine Stadt, die Römer ein Heiligtum, die Mönche aus Lorsch zwei Klöster. Im Dritten Reich schließlich wurde ohne Rücksicht auf die archäologischen Zeugnisse die Thingstätte aus dem Boden gestampft. Insbesondere die keltische Vergangenheit des Berges ist für Besucher heute nicht so gut zu erkennen, wie es möglich wäre.

Ein Modell einer keltischen Mauer aus Steinen und ohne Mörtel. Fotos: Bechtel

Jetzt soll ein Entwicklungskonzept die Kultur dieser Epoche „erfahrbarer und erlebbarer“ machen, so formulierte es Oberbürgermeister Eckart Würzner. Das Stadtoberhaupt sowie Vertreter von Ämtern und Stadtwerken machten sich vor Ort ein Bild. Realisiert werden soll unter anderem ein Info-Zentrum, das die Besucher empfängt, sie mit der Geschichte des Berges vertraut macht und Vergangenes visualisiert. Dieser Pavillon steht auch für die Verbindung von geschichtlichem Schauplatz und Museum in der Stadt. „Das Museum soll auf den Berg und der Berg ins Museum kommen“, wie es Renate Ludwig, Leiterin der archäologischen Abteilung formulierte. Der „Info-Point“ ist im Bereich des großen Parkplatzes geplant. In dieser ersten Realisierungsstufe bereits enthalten ist auch der Bau einer öffentlichen Toilettenanlage, die neben der „Waldschenke“ gebaut werden soll.

Frieder Hepp, Direktor des Kurpfälzischen Museums, berichtete von dem Förderantrag, den Heiligenberg in das Kelten-Programm des Landes aufzunehmen. „Der Antrag ist auf gutem Weg, das Ergebnis müssen wir noch abwarten“, sagte Hepp. Ein Sponsorenkonzept sei Bestandteil des Antrags.

Ein ganzes Keltendorf wurde in Otzenhausen im Saarland rekonstruiert. Auf dem Heiligenberg schlägt die Schutzgemeinschaft vor, keltische Siedlungskultur am Beispiel von zwei typischen Häusern zu vermitteln. Fotos: Bechtel

Während noch der Bewilligungsbescheid vom Land abgewartet wird, wird Stufe zwei des „Zukunftskonzepts“ bereits „mitgedacht“. Dazu hatte die „Schutzgemeinschaft Heiligenberg“ Vorschläge vorbereitet. Der Verein setzt sich seit Jahrzehnten für die Erhaltung des historischen Erbes auf dem Berg ein. Jetzt ist er Kooperationspartner des Zukunftskonzepts. Die Entwürfe richten sich auf den Platz westlich der „Waldschenke“. Dort wurde die Wiese gemäht, für Burger ist das ein guter Ort für zwei keltische Häuser, so wie sie früher zahlreich auf der Kuppe standen. Hier sieht er auch eine eindrucksvolle Position für die Rekonstruktion eines Teilstücks der gallischen Mauer, damit auch die Verteidigungsanlage auf dem Berg „erlebbar“ wird. Dieses Bollwerk zog sich einst als doppelter Ring um die Kuppen. „Darüber wird schon seit 50 Jahren diskutiert“, fügt Bert Burger, Vorsitzender der „Schutzgemeinschaft Heiligenberg“ an. OB Würzner kann sich in einem „Freilichtmuseum unter Federführung des Kurpfälzischen Museums“ sogar einen Turm oder ein Stadttor vorstellen. Das Land will er im Augenblick mit den weitergehenden Plänen nicht „verschrecken“, wohl aber signalisieren, „wir realisieren das jetzt, wir machen diese Entwicklungsplanung, sind auch mit weiteren Sponsoren im Gespräch, mit Förderern in Heidelberg, dass man da noch Partner findet“.

Im Rahmen des Konzepts „Keltenland Baden-Württemberg“ wird auch der Heiligenbergsaal im Kurpfälzischen Museum verändert, ebenfalls der Lehrpfad „Keltenweg“ auf dem Berg. Als Standort für die Teilrekonstruktion einer keltischen Umfassungsmauer schlagen die Museumsarchäologen den Bereich des von ihnen 2019 ausgegrabenen Stückes Keltenwall beim Parkplatz vor. Eine museumspädagogische Mitmachstation ist ebenso im Gespräch wie eine Feuerstelle, wo man keltisch kochen oder grillen kann.

 

 

RNZ 29.10.2021

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RNZ 08.10.2021

Land will keltisches Erbe fördern

Heiligenberg soll neu präsentiert werden – Computergestützte Simulation als Hilfsmittel – Höhe des Zuschusses noch nicht bekannt

Von Julia Lauer

Auf dem Heiligenberg deutet nur wenig darauf hin, dass sich hier früher eine keltische Höhensiedlung befand. Das soll sich künftig ändern. Dabei sollen auch moderne Medien zum Einsatz kommen. Archivfoto: kaz

Heidelberg. Um die zwei Jahrhunderte lang waren die Kelten im Heidelberger Stadtgebiet ansässig, auf dem Heiligenberg unterhielten sie wohl einen Fürstensitz – doch davon ist heute, rund 2500 Jahre später, kaum mehr etwas zu sehen. Das soll sich künftig ändern: Das Kurpfälzische Museum arbeitet daran, das keltische Erbe auf dem Heiligenberg neu zu präsentieren. Nun hat das Land am Mittwochabend auf einer Online-Veranstaltung des Museums seine Unterstützung zugesagt.

„Wir sind gerade dabei, das Ganze sozusagen verwaltungsmäßig einzutüten, aber im Prinzip gehört Heidelberg für uns schon zu den Stätten, die gefördert werden“, sagte Andreas Schüle, der im Wissenschaftsministerium in Stuttgart das zuständige Referat leitet. „Der Heiligenberg und das Kurpfälzische Museum sind im Prinzip so gut wie durch“, erläuterte er mit Blick auf die Entscheidung über eine Förderung. Das Land zielt mit dem Programm „Keltenland Baden-Württemberg“ darauf ab, das keltische Erbe des Landes stärker ins Bewusstsein der Menschen zu rücken und auch touristisch zu nutzen. Dazu investiert es in Fundstätten und in Museen, die über das Bundesland verstreut sind.

Das Land hatte von Anfang an Bereitschaft signalisiert, die Keltenstätte Heiligenberg und das Kurpfälzische Museum im Rahmen der Keltenkonzeption zu fördern. Seit Mitte November vergangenen Jahres lag dem von Theresia Bauer (Grüne) geführten Wissenschaftsministerium ein entsprechender Antrag des Kurpfälzischen Museums vor. Was noch ausstand, waren eine fachliche Bewertung des Heidelberger Konzepts sowie vertiefende Gespräche mit dem Kurpfälzischen Museum sowie mit der Stadt.

Damit ging es offenbar voran: Im Juni war Referatsleiter Schüle mit dem Keltenbeauftragten der Landesregierung, Thomas Hoppe, in Heidelberg zu Gast, wie er nun erzählte. Dort hätten sie den Heiligenberg und das Kurpfälzische Museum besucht, und Museumsdirektor Frieder Hepp und Renate Ludwig, Leiterin der Abteilung Archäologie und Denkmalschutz, hätten ihnen ihre Vorstellungen zur Präsentation des Berges dargelegt. Auch fanden seither mehrere Abstimmungsrunden statt.

„Auf dem Heiligenberg wird man in Zukunft mehr vom keltischen Erbe dieses Berges sehen als bisher“, fasste Schüle das Vorhaben zusammen. Dabei werde auch „Augmented Reality“ eine Rolle spielen – computergestützte Simulationen. Konkreter wurde Schüle nicht. Und auch sein Haus wollte nicht näher auf die geplanten Maßnahmen eingehen. „Die vom Kurpfälzischen Museum vorgestellten Projekte zur Sichtbarmachung des keltischen Erbes auf dem Heiligenberg und im Museum gehen aus Sicht des Ministeriums in eine sehr gute Richtung“, hieß es von dort auf Anfrage der RNZ.

Auch der Umfang der Förderung steht noch nicht fest. „Deren Höhe wird sich aus dem endgültigen Förderantrag ergeben, der bisher noch nicht vorliegt, den das Museum aber in den nächsten Wochen einreichen wird“, erklärte eine Sprecherin des Ministeriums. Grundsätzlich leistet das Land keinen größeren finanziellen Beitrag als die an den Maßnahmen beteiligte Stadt.

Zu den Besonderheiten des Heiligenbergs zähle, dass er für eine besondere Episode der keltischen Geschichte stehe, würdigte Schüle. Die Kelten waren im fünften und im vierten vorchristlichen Jahrhundert im Stadtgebiet ansässig – und damit in der mittleren Keltenzeit. Aus dieser Epoche gebe es im Land keinen anderen so bedeutenden Ort, hatte Archäologin Ludwig im vergangenen Jahr gegenüber dieser Zeitung erklärt.

„Wir freuen uns sehr über die Botschaft, dass unsere Konzeption wohl auf gutem Wege ist“, erklärte Museumsdirektor Hepp. Staatssekretärin Petra Olschowski will am 28. Oktober nach Heidelberg kommen, um sich ein Bild von den Vorhaben für den Heiligenberg und dem Kurpfälzischen Museum zu machen.

HINTERGRUND

>Kelten in Heidelberg: Im fünften und vierten vorchristlichen Jahrhundert waren Kelten im Stadtgebiet ansässig. Wichtigstes Fundstück ist ein Sandsteinkopf mit Blattkrone, der 1893 in Bergheim gefunden wurde. Lange dachte man, dass der Kopf eine Gottheit zeige. Doch dann wurde im hessischen Glauberg eine menschliche Figur gefunden, ebenfalls mit Blattkrone. Der abgebildete Schmuck tauchte auch in einem Grab auf, sodass es sich um einen Fürsten gehandelt haben muss.

>Heiligenberg als Fürstensitz: Der Glauberger Kopf ähnelt stark dem Heidelberger Sandsteinkopf, weshalb auch ein Fürstensitz in Heidelberg vermutet wird. Zuvor hatte die Doppelwallanlage auf dem Heiligenberg dies schon vermuten lassen. Im Tal wurden zwar schlichte Keltengräber entdeckt – jedoch keines, das als Fürstengrab zu erkennen war.

>Kelten in Baden-Württemberg: Die Entscheidung, die Heuneburg bei Sigmaringen zu einer „Kelten-Erlebniswelt“ auszubauen, war die Initialzündung für das landesweite Förderprogramm. Welche Orte gefördert werden, steht noch nicht endgültig fest. Die Förderung setzt voraus, dass tragfähige Konzepte vorgelegt werden und sich die Orte an der Finanzierung beteiligen. jul

RNZ 13.07.2021

Kurpfälzisches Museum

Flug in die Vergangenheit mit der „Discovery Station“

Mit der „Discovery Station“ im Kurpfälzischen Museum kann der Besucher die Welt der Kelten und Römer entdecken

Von Manfred Bechtel

Heidelberg. Es hat etwas vom Traum vom Fliegen: Aus der Höhe geht der Blick weit über Täler und Berge bis hinaus in die Ebene. Die Landschaft erscheint seltsam bekannt. Jedoch sucht man vergeblich die gewohnte Stadt an den Ufern des Flusses, nur ein paar strohgedeckte Hütten sind im weiten Gelände verstreut. Am Schlossberg fehlt das Schloss, stattdessen thront auf den entwaldeten Bergkuppen gegenüber eine mächtige Verteidigungsanlage mit Ringmauern. Kein Zweifel: Der Flug ging in die Vergangenheit. Wir sind in der Epoche der Kelten angekommen. Die Anzeige der Zeitmaschine ist im Jahr 450 v. Chr. stehen geblieben.

Wie unsere Heimat vor vielen Jahrhunderten aussah, davon können sich die Besucher im Kurpfälzischen Museum Heidelberg ein lebhaftes Bild machen. In der Archäologischen Abteilung arbeiten vier Hochleistungscomputer der „Discovery Station“ daran, vergangene Welten virtuell wieder auferstehen zu lassen und auf eine Reihe von Bildschirmen zu projizieren. Die Zeit der Kelten und die Zeit der Römer sind bereits „Wirklichkeit“, andere Epochen sollen hinzukommen. In einem Fenster von zehn auf zehn Kilometer sind die historischen Siedlungslandschaften rekonstruiert. Der Blick des Betrachters geht noch weiter, bis hinüber zum Rhein und zu den Bergen der Haardt. Menschen sucht man in dem Szenario allerdings vergeblich. Die Landschaft zu bevölkern ist grundsätzlich möglich, würde aber einen erheblichen finanziellen Mehraufwand bedeuten.

Ein keltischer Fürstensitz

Den Heiligenberg dominiert eine Verteidigungsanlage: gewaltige Mauern aus Bruchsteinen, die von Pfosten und Balken zusammengehaltenen werden. Das Bollwerk sollte die Großsiedlung der Kelten und den Herrschersitz vor Angreifern schützen. Am Fuß des Berges erstreckt sich eine offene Landschaft mit Feldern und Weiden. Der Neckar verzweigt sich, an seinen Armen gedeihen Feuchtgebiete und Auwälder. Ein aufgeschütteter Grabhügel zieht die Blicke auf sich. Hier liegt der Fürst vom Berg begraben. Übermannsgroß steht sein Standbild auf dem Hügel. Von der dargestellten Statue wurde bislang allerdings nur ein Fragment gefunden: die obere Hälfte des Kopfes mit einer Art Krone, die irgendwie an übergroße Ohren erinnert. Bei der Deutung des Fundes kam man ein Stück weiter, als im südhessischen Glauberg vor ein paar Jahrzehnten eine ganz ähnliche Skulptur ausgegraben wurde. Diese war glücklicherweise fast vollständig erhalten. So konnte man den Keltenfürsten vom Heiligenberg virtuell rekonstruieren – in der Hoffnung, dass vielleicht doch noch ein weiteres Puzzleteil auftaucht. Den haubenartigen Kopfschmuck deuten die Archäologen als „Blattkrone“; das Vorbild für die Blätter könnte die Mistel geliefert haben, eine Pflanze, die bei den Kelten als heilig verehrt wurde. In den Asterix-Comics durfte sie als Zutat im Zaubertrank nicht fehlen.

Die Römer bauten die erste Brücke 

Mit einem Druck auf den roten Knopf werden Gigabyte von Daten aufgerufen, die Epoche wechselt. In einem Sprung geht es über sechs Jahrhunderte hinweg in das römische „Heidelberg“, von dem keiner weiß, wie es hieß. Die Besiedelungen des Jahres 130 n. Chr. sind in einem Idealzustand rekonstruiert: Auf der Nordseite des Neckars existiert noch ein Militärkastell, und die Neuenheimer Zivilsiedlung, der „Nordvicus“, hat schon ihre größte Ausdehnung erreicht. Rechts und links der heutigen Ladenburger Straße reihen sich die Häuser, zumeist Holzbauten mit roten Ziegeldächern. Die Straße nach Ladenburg verläuft durch das römische Gräberfeld; die „Straße ins Jenseits“ ist gesäumt von Gedenksteinen an die Verstorbenen. Nach Süden führt eine imposante Steinbrücke über den Neckar. Dort rauchen – im heutigen Bergheim – die Brennöfen der Töpfereien. Von hier führen die Fernstraßen nach Straßburg und nach Speyer.

Das Exponat ist dank einer großzügigen Spende des Freundeskreises des Kurpfälzischen Museums unter Vorsitz von Manfred Lautenschläger entstanden. Entwickelt wurde es von Projektleiter Tobias Schöneweis in Zusammenarbeit mit dem Designstudio MESO Digital Interiors in Frankfurt. Unterstützung leistete das Vermessungsamt Heidelberg. Um weitere Epochen zu rekonstruieren, hofft das Museum auf Sponsoren und bietet Epochen-Patenschaften an. So könnte die unzerstörte Stadt Heidelberg am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges virtuell entstehen. Reizvoll wäre auch eine Reise in die Steinzeit. In der Landschaft des Homo heidelbergensis könnte der Zeitreisende Mammuts begegnen. Eines aber kann die Discovery Station nicht, was die „Zeitmaschine“ aus H.G. Wells‘ verfilmtem Roman konnte: in die Zukunft fliegen.

Info: Kurpfälzisches Museum, Hauptstraße 97. Telefon: 06221 / 5834020. E-Mail: kurpfaelzischesmuseum@heidelberg.de. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen

 

RNZ 07.02.2021

Heidelberg

Die besondere Rolle des Heiligenbergs bei der „Keltenkonzeption“

Baden-Württemberg stellt mit einer „Keltenkonzeption“ die Vielfalt heraus, die das Land bei Fundstücken dieser zeitlich fernen Kultur aufweist.

​Der „Heidelberger Kopf“ (li.) gleicht der Fürstenstatue vom hessischen Glauberg im Kopfputz. Eigentlich eine Steinskulptur dient diese bereits als Vorbild für zahlreiche Kunststoff-Repliken (re.). Dieses Modell (großes Bild) zeigt die Befestigung der keltischen Großsiedlung Heuneburg. Sie gilt als die von Herodot erwähnte Stadt „Pyrene“ und ist Schwerpunkt des Förderprogramms „Keltenkonzeption Baden-Württemberg“. Fotos: KMH Kemmet / Hüll

 

Von Felix Hüll

Heidelberg. „Kann das sein? Guck mal, der sieht doch aus wie Micky Maus!“ Der Junge wendet sich fasziniert der Steinskulptur zu, einem menschlichen Kopf mit zwei Wulsten daran. Mit etwas Fantasie erinnern sie wirklich an Mausohren wie die der Walt-Disney-Comicfigur. Aber der Steinkopf ist erheblich älter: so ungefähr 2400 Jahre. Gefunden wurde er 1893 auf dem Grundstück Bergheimer Straße 50 – als Teil einer Männerstatue aus der sogenannten Frühlatènezeit ist er eine Hinterlassenschaft der Kelten in der Region um den Heidelberger Heiligenberg.

Er ist ein Symbol für Heidelbergs besondere Stellung innerhalb der „Keltenkonzeption“ Baden-Württembergs. Das ist ein Projekt, das die historische Bedeutung des Landes für diese Kulturepoche erfasst, bündelt und besser als bisher vermitteln will.

Dazu muss man wissen, dass die Kelten sich territorial nicht nach heute gültigen Grenzen von Staaten oder Nationen in Schubladen stecken lassen. Die keltische Kultur wird in einer Zeitspanne von etwa 800 vor Christus bis um die Zeitenwende verortet und erstreckte sich im Kern von Spanien, Frankreich über Süddeutschland bis hin nach Tschechien und Ungarn.

Wer waren die Kelten? „Sie sollen das erste europäische Volk gewesen sein, obwohl sie nie einen Staat, wie etwa das Imperium Romanum bildeten. Sie hatten vielfältige ethnische Identitäten.“ So erklärt es Renate Ludwig vom Kurpfälzischen Museum Heidelberg. Sie ist dort die Leiterin der Abteilung Archäologie und Denkmalschutz.

Woher rührt dieses Interesse an einer vergangenen Kultur, von der es im Vergleich etwa zur römischen oder mittelalterlichen Geschichte ungleich weniger Schriftzeugnisse und Fundstücke gibt?

Ludwig: „Je älter die Vergangenheit ist, desto symbolkräftiger wird sie empfunden. Die Kelten am Übergang zwischen Urgeschichte und der mit zeitgenössischen Quellen belegten Geschichte sind dafür ein hochaktuelles Beispiel.“ Die Kelten selbst haben keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Wir wissen relativ viel durch römische und griechische Autoren, die Zeitgenossen der Kelten waren. Das ist aber immer noch wenig genug. Es eröffnet der Fantasie jede Menge Spielraum. Und nicht alles, was über Kelten veröffentlicht wird, hält wissenschaftlichen Kriterien stand.

Ludwig: „Gerade in den letzten 30 Jahren ist die vermeintlich heile Welt der Kelten Gegenstand esoterischer Sehnsüchte und gilt als ’ganzheitlich’, ’authentisch’, ’naturnah’. Wir Archäologen sehen diese pseudofolkloristische Keltomanie mit Kopfschütteln.“

Nachgewiesen haben die Altertumswissenschaften in der Frühzeit der keltischen Kultur Fürstensitze und für eine spätere Periode stadtähnliche Siedlungen, „Oppida“ genannt. Aber jene „naturnahen“ Kelten rodeten auch die Wälder und trugen selbst untereinander ständig Konflikte aus.

Die Bilder von Druiden in harmonischem Einklang mit der Natur wie den Mitmenschen geht zurück auf romantische Bilder einer keltischen Gesellschaftsordnung. Ihren Ursprung haben sie im Irland des 17. Jahrhunderts. Von dort verbreiteten sie sich in Europa bis zu den heute im Internet anzutreffenden Druidenorden unterschiedlichster Couleur. Die Kelten selbst haben dazu keine Schriftquellen überliefert, und manche Fundstücke dokumentieren ganz andere Verhaltensweisen. Alexander Heinzmann ist Autor des Buches „Die Ringwälle auf dem Heiligenberg bei Heidelberg – Keltischer Fürstensitz oder Keltenstadt?“ Er glaubt, dass man dies von der Keltenzeit lernen könne: „Sie waren zweimal auf den Weg zu einer Hochkultur und sind zwei mal abgebogen. Die Gründe dafür sind unsicher.“ Aber verschwenderischer Umgang der Kelten mit natürlichen Ressourcen wie den Wäldern um die Oppida-Großsiedlungen gilt laut Heimatforscher Heinzmann als belegt – „und das ist etwas, was man aus dieser Zeit lernen könnte.“

Trefflich ließe sich so ein Nach-Denken in einem Museum anregen: Für den Ausbau bisheriger Angebote und Keltenschauplätze im Land sollen zehn Millionen Euro Fördermittel im Rahmen der Keltenkonzeption ausgegeben werden. Das hat die Landesregierung 2019 beschlossen. Für den Heiligenberg liegen zwar Pläne für Modernisierung und Ertüchtigung des bestehenden Keltenwegs vor. Sie reichen aber wohl noch nicht aus, um die entsprechenden Anträge mit Aussicht auf Erfolg stellen zu können.

Die zuständige Kunststaatssekretärin im Wissenschaftsministerium, Petra Olschowski, erklärt, dass noch im ersten Quartal (wohl im März) Vertreter des Ministeriums zu einem Vor-Ort-Termin nach Heidelberg kommen wollen, um mit den Antragstellern u.a. im Kurpfälzischen Museum die vorliegenden Konzeptentwürfe abzustimmen. Innerhalb Baden-Württembergs zeichnet den Heiligenberg der Blick über die (heutigen) Landesgrenzen aus: die Gegend hier soll in einer Beziehung zum Glauberg in Hessen gestanden haben wie auch der Donnersberg und Bad Dürkheim in Rheinland Pfalz.

Rein optisch legt dies schon der Fund der Glauberger „Fürstenstatue“ nahe – diese im Juni 1996 in einem Grabhügelumfeld gefundene Skulptur trägt eine ganz ähnliche Kopfbedeckung wie das Heidelberger Keltenhaupt. Die beiden Micky-Maus-Ohr-ähnlichen Wülste am Heidelberger wie Glauberger Kopf werden als Mistelblatt-Krone gedeutet. Sie kennzeichnen seinen Träger als hervorgehobenen einflussreichen Menschen, einen Krieger oder Wissenden, eventuell Druiden/Priester.

Eine solche Außenbeziehung der Siedlung auf dem Heiligenberg zählt zur Vielfalt keltischer Kultur auf dem Gebiet Baden-Württembergs. Sie ist bislang aber eher nur Fachleuten ein Begriff. Die Keltenkonzeption soll sie wie auch die Besonderheiten der anderen Keltenorte einem breiteren Publikum besser als bisher verdeutlichen und dazu einladen, sich das näher anzusehen..

Für Heidelberg ist dabei eine sanfte Erschließung des Heiligenbergs mittels eines „Keltenparks“ angedacht. Mit der Schutzgemeinschaft Heiligenberg und der Handschuhsheimer Geschichtswerkstatt um deren Keltenexperten Alexander Heinzmann entstand ein Entwurf. Ins Auge gefasst ist u.a. der Nachbau einer keltischen Pfostenschlitzmauer, wie sie inzwischen auch für die Ringwälle um den Heiligenberg nachgewiesen wurde.

Mit Hilfe einer App soll das erforderliche Hintergrundwissen über Heidelbergs Keltenzeit bereitgestellt werden. Die Umgebung wenig beeinträchtigende Pfosten könnten einen QR-Code tragen, der das Abrufen der entsprechenden Internetseite ermöglicht.

Nur: Wenn das Vorhaben gelingt, steht zu befürchten, dass zu viele neue Kelten-Fans mit dem Auto auf den Berg kommen. Der Heiligenberg als Kelten-Drive-In? Ludwig: „Das soll kein zweiter touristischer Hotspot wie das Schloss werden.“ Sie kalkuliert für dieses Projekt mit einem sechsstelligen Betrag. Sobald der Keltenkonzeption-Zuschlag bewilligt sei, könne man das Vorhaben im Zeitraum von bis zu drei Jahren verwirklichen.

Wer so lange nicht warten möchte, kann schon jetzt ein fertiges Museum besuchen: 140 Kilometer nördlich von Heidelberg befindet sich die „Keltenwelt am Glauberg“, die neben den lokalen Funden auch die Geschichte der Kelten allgemein nachzeichnet.

Info: www.verein-keltenwelten.dewww.mwk.baden-wuerttemberg.de (Stichwort: Keltenland)

Vielfalt keltischer Fundstätten in Baden-Württemberg:

1) Heuneburg – Herodots Keltenstadt „Pyrene“ – heute Freilichtmuseum, beschilderter Wanderweg, Museum Hundersingen nahebei, geplanter Ausbau als Schwerpunkt mit Besucherzentrum

2) Ipf – frei stehendes Berggipfelplateau, Freilichtanlage mit Gebäude-Nachbauten, Museum in Bopfingen, Besucherzentrum geplant

3) Heidengraben – größte befestigte spätkeltische Großsiedlung (Oppidum) Europas, Museum Grabenstetten, Erlebnispfad, Besucherzentrum geplant

4) Hochdorf – Fürstenprunkgrab: Museum ist bisher eine der umfassendsten Keltengeschichte-Präsentationen in Baden-Württemberg (geplant: digitale Ergänzungen), nahebei Hohenasperg/Ludwigsburg

5) Landesmuseum Württemberg – keltische Schwerpunktsammlung in Stuttgart

6) Finsterlohr – zwischen Tauberbischofsheim und Rothenburg gelegene Großsiedlung (Oppidum)

7) Magdalenenberg – Fürstinnen-Groß-Grabhügel, Keltenfunde im Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen (geplant: digitale Ergänzungen)

8) Keltenregion Breisgau – zentriert im Museum Colombischlössle Freiburg (geplant: digitale Ergänzungen), Oppidum „Tarodunum“ nahebei in Kirchzarten

9) Münsterberg Breisach – überbauter keltischer Fürstensitz,Grabhügel, Museum für Stadtgeschichte Breisach

10) Archäologisches Landesmuseum – Konstanz, Präsentation der allgemeinen Erkenntnisse der Landesarchäologie

11) Doppeloppidum Altenburg (D) und Rheinau (CH), keltisches „Handelszentrum“ veranschaulicht das weit verzweigte Netz keltischer Wirtschaftsbeziehungen

12 ) Heiligenberg Heidelberg – keltischer Mittelpunkt als Handelszentrum am Unteren Neckar, beschilderter Weg, Funde insbesondere neu der letzten Jahrzehnte im Kurpfälzischen Museum, (weitere digitale Ergänzung angedacht), Ausgrabungen Keltisches Handwerk Dossenheim des Landesamts für Denkmalschutz in Planung

13 ) Badisches Landesmuseum Karlsruhe u.a. mit „Heidelberger Kopf“ und modernen Präsentationsformen wie Virtual Reality

14 ) Donnersberg – Keltenweg, Siedlungs-Nachbauten, Museum (Rheinland-Pfalz)

15 ) Glauberg – hessisches Museum „Keltenwelt Glauberg“ sowohl mit allgemeiner keltischer Geschichte wie mit der von der überregionalen Bedeutung dieses Fürstensitzes, Rundwanderweg, Grabhügel

16 ) Bad Dürkheim (Rheinland-Pfalz) – Museum, „Heidenmauer“ Keltenstadt, Höhensiedlung, Fürstengrab (fhs)