Presseartikel

RNZ 08.10.2021

Land will keltisches Erbe fördern

Heiligenberg soll neu präsentiert werden – Computergestützte Simulation als Hilfsmittel – Höhe des Zuschusses noch nicht bekannt

Von Julia Lauer

Heidelberg. Um die zwei Jahrhunderte lang waren die Kelten im Heidelberger Stadtgebiet ansässig, auf dem Heiligenberg unterhielten sie wohl einen Fürstensitz – doch davon ist heute, rund 2500 Jahre später, kaum mehr etwas zu sehen. Das soll sich künftig ändern: Das Kurpfälzische Museum arbeitet daran, das keltische Erbe auf dem Heiligenberg neu zu präsentieren. Nun hat das Land am Mittwochabend auf einer Online-Veranstaltung des Museums seine Unterstützung zugesagt.

„Wir sind gerade dabei, das Ganze sozusagen verwaltungsmäßig einzutüten, aber im Prinzip gehört Heidelberg für uns schon zu den Stätten, die gefördert werden“, sagte Andreas Schüle, der im Wissenschaftsministerium in Stuttgart das zuständige Referat leitet. „Der Heiligenberg und das Kurpfälzische Museum sind im Prinzip so gut wie durch“, erläuterte er mit Blick auf die Entscheidung über eine Förderung. Das Land zielt mit dem Programm „Keltenland Baden-Württemberg“ darauf ab, das keltische Erbe des Landes stärker ins Bewusstsein der Menschen zu rücken und auch touristisch zu nutzen. Dazu investiert es in Fundstätten und in Museen, die über das Bundesland verstreut sind.

Das Land hatte von Anfang an Bereitschaft signalisiert, die Keltenstätte Heiligenberg und das Kurpfälzische Museum im Rahmen der Keltenkonzeption zu fördern. Seit Mitte November vergangenen Jahres lag dem von Theresia Bauer (Grüne) geführten Wissenschaftsministerium ein entsprechender Antrag des Kurpfälzischen Museums vor. Was noch ausstand, waren eine fachliche Bewertung des Heidelberger Konzepts sowie vertiefende Gespräche mit dem Kurpfälzischen Museum sowie mit der Stadt.

Damit ging es offenbar voran: Im Juni war Referatsleiter Schüle mit dem Keltenbeauftragten der Landesregierung, Thomas Hoppe, in Heidelberg zu Gast, wie er nun erzählte. Dort hätten sie den Heiligenberg und das Kurpfälzische Museum besucht, und Museumsdirektor Frieder Hepp und Renate Ludwig, Leiterin der Abteilung Archäologie und Denkmalschutz, hätten ihnen ihre Vorstellungen zur Präsentation des Berges dargelegt. Auch fanden seither mehrere Abstimmungsrunden statt.

„Auf dem Heiligenberg wird man in Zukunft mehr vom keltischen Erbe dieses Berges sehen als bisher“, fasste Schüle das Vorhaben zusammen. Dabei werde auch „Augmented Reality“ eine Rolle spielen – computergestützte Simulationen. Konkreter wurde Schüle nicht. Und auch sein Haus wollte nicht näher auf die geplanten Maßnahmen eingehen. „Die vom Kurpfälzischen Museum vorgestellten Projekte zur Sichtbarmachung des keltischen Erbes auf dem Heiligenberg und im Museum gehen aus Sicht des Ministeriums in eine sehr gute Richtung“, hieß es von dort auf Anfrage der RNZ.

HINTERGRUND

> Kelten in Heidelberg: Im fünften und vierten vorchristlichen Jahrhundert waren Kelten im Stadtgebiet ansässig. Wichtigstes Fundstück ist ein Sandsteinkopf mit Blattkrone, der 1893 in Bergheim gefunden wurde. Lange dachte man, dass der Kopf eine Gottheit zeige. Doch dann wurde im

Auch der Umfang der Förderung steht noch nicht fest. „Deren Höhe wird sich aus dem endgültigen Förderantrag ergeben, der bisher noch nicht vorliegt, den das Museum aber in den nächsten Wochen einreichen wird“, erklärte eine Sprecherin des Ministeriums. Grundsätzlich leistet das Land keinen größeren finanziellen Beitrag als die an den Maßnahmen beteiligte Stadt.

Zu den Besonderheiten des Heiligenbergs zähle, dass er für eine besondere Episode der keltischen Geschichte stehe, würdigte Schüle. Die Kelten waren im fünften und im vierten vorchristlichen Jahrhundert im Stadtgebiet ansässig – und damit in der mittleren Keltenzeit. Aus dieser Epoche gebe es im Land keinen anderen so bedeutenden Ort, hatte Archäologin Ludwig im vergangenen Jahr gegenüber dieser Zeitung erklärt.

„Wir freuen uns sehr über die Botschaft, dass unsere Konzeption wohl auf gutem Wege ist“, erklärte Museumsdirektor Hepp. Staatssekretärin Petra Olschowski will am 28. Oktober nach Heidelberg kommen, um sich ein Bild von den Vorhaben für den Heiligenberg und dem Kurpfälzischen Museum zu machen.

 

RNZ 13.07.2021

Kurpfälzisches Museum

Flug in die Vergangenheit mit der „Discovery Station“

Mit der „Discovery Station“ im Kurpfälzischen Museum kann der Besucher die Welt der Kelten und Römer entdecken

Von Manfred Bechtel

Heidelberg. Es hat etwas vom Traum vom Fliegen: Aus der Höhe geht der Blick weit über Täler und Berge bis hinaus in die Ebene. Die Landschaft erscheint seltsam bekannt. Jedoch sucht man vergeblich die gewohnte Stadt an den Ufern des Flusses, nur ein paar strohgedeckte Hütten sind im weiten Gelände verstreut. Am Schlossberg fehlt das Schloss, stattdessen thront auf den entwaldeten Bergkuppen gegenüber eine mächtige Verteidigungsanlage mit Ringmauern. Kein Zweifel: Der Flug ging in die Vergangenheit. Wir sind in der Epoche der Kelten angekommen. Die Anzeige der Zeitmaschine ist im Jahr 450 v. Chr. stehen geblieben.

Wie unsere Heimat vor vielen Jahrhunderten aussah, davon können sich die Besucher im Kurpfälzischen Museum Heidelberg ein lebhaftes Bild machen. In der Archäologischen Abteilung arbeiten vier Hochleistungscomputer der „Discovery Station“ daran, vergangene Welten virtuell wieder auferstehen zu lassen und auf eine Reihe von Bildschirmen zu projizieren. Die Zeit der Kelten und die Zeit der Römer sind bereits „Wirklichkeit“, andere Epochen sollen hinzukommen. In einem Fenster von zehn auf zehn Kilometer sind die historischen Siedlungslandschaften rekonstruiert. Der Blick des Betrachters geht noch weiter, bis hinüber zum Rhein und zu den Bergen der Haardt. Menschen sucht man in dem Szenario allerdings vergeblich. Die Landschaft zu bevölkern ist grundsätzlich möglich, würde aber einen erheblichen finanziellen Mehraufwand bedeuten.

Die keltischen Wohnhäuser auf dem Heiligenberg. Visualisierung/Fotos: KMH/MESO Digital Interiors, Bechtel

Ein keltischer Fürstensitz

Den Heiligenberg dominiert eine Verteidigungsanlage: gewaltige Mauern aus Bruchsteinen, die von Pfosten und Balken zusammengehaltenen werden. Das Bollwerk sollte die Großsiedlung der Kelten und den Herrschersitz vor Angreifern schützen. Am Fuß des Berges erstreckt sich eine offene Landschaft mit Feldern und Weiden. Der Neckar verzweigt sich, an seinen Armen gedeihen Feuchtgebiete und Auwälder. Ein aufgeschütteter Grabhügel zieht die Blicke auf sich. Hier liegt der Fürst vom Berg begraben. Übermannsgroß steht sein Standbild auf dem Hügel. Von der dargestellten Statue wurde bislang allerdings nur ein Fragment gefunden: die obere Hälfte des Kopfes mit einer Art Krone, die irgendwie an übergroße Ohren erinnert. Bei der Deutung des Fundes kam man ein Stück weiter, als im südhessischen Glauberg vor ein paar Jahrzehnten eine ganz ähnliche Skulptur ausgegraben wurde. Diese war glücklicherweise fast vollständig erhalten. So konnte man den Keltenfürsten vom Heiligenberg virtuell rekonstruieren – in der Hoffnung, dass vielleicht doch noch ein weiteres Puzzleteil auftaucht. Den haubenartigen Kopfschmuck deuten die Archäologen als „Blattkrone“; das Vorbild für die Blätter könnte die Mistel geliefert haben, eine Pflanze, die bei den Kelten als heilig verehrt wurde. In den Asterix-Comics durfte sie als Zutat im Zaubertrank nicht fehlen.

Der Nordfriedhof an der Straße nach Ladenburg. Visualisierung/Fotos: KMH/MESO Digital Interiors, Bechtel

Die Römer bauten die erste Brücke 

Mit einem Druck auf den roten Knopf werden Gigabyte von Daten aufgerufen, die Epoche wechselt. In einem Sprung geht es über sechs Jahrhunderte hinweg in das römische „Heidelberg“, von dem keiner weiß, wie es hieß. Die Besiedelungen des Jahres 130 n. Chr. sind in einem Idealzustand rekonstruiert: Auf der Nordseite des Neckars existiert noch ein Militärkastell, und die Neuenheimer Zivilsiedlung, der „Nordvicus“, hat schon ihre größte Ausdehnung erreicht. Rechts und links der heutigen Ladenburger Straße reihen sich die Häuser, zumeist Holzbauten mit roten Ziegeldächern. Die Straße nach Ladenburg verläuft durch das römische Gräberfeld; die „Straße ins Jenseits“ ist gesäumt von Gedenksteinen an die Verstorbenen. Nach Süden führt eine imposante Steinbrücke über den Neckar. Dort rauchen – im heutigen Bergheim – die Brennöfen der Töpfereien. Von hier führen die Fernstraßen nach Straßburg und nach Speyer.

Das Exponat ist dank einer großzügigen Spende des Freundeskreises des Kurpfälzischen Museums unter Vorsitz von Manfred Lautenschläger entstanden. Entwickelt wurde es von Projektleiter Tobias Schöneweis in Zusammenarbeit mit dem Designstudio MESO Digital Interiors in Frankfurt. Unterstützung leistete das Vermessungsamt Heidelberg. Um weitere Epochen zu rekonstruieren, hofft das Museum auf Sponsoren und bietet Epochen-Patenschaften an. So könnte die unzerstörte Stadt Heidelberg am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges virtuell entstehen. Reizvoll wäre auch eine Reise in die Steinzeit. In der Landschaft des Homo heidelbergensis könnte der Zeitreisende Mammuts begegnen. Eines aber kann die Discovery Station nicht, was die „Zeitmaschine“ aus H.G. Wells‘ verfilmtem Roman konnte: in die Zukunft fliegen.

Info: Kurpfälzisches Museum, Hauptstraße 97. Telefon: 06221 / 5834020. E-Mail: kurpfaelzischesmuseum@heidelberg.de. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossenRNZ 23.06.2021

Heidelberg

Architekt und Stadtplaner Bert Burger wird 80 Jahre alt

Er war maßgeblich an der Sanierung der Altstadt beteiligt. Die Vergangenheit hat ihn immer fasziniert. „Eine Stadt muss auch ein Ort von Identifikation sein“.

 

„Dank an alle Menschen, die mir geholfen haben, ein bis heute so erfülltes Leben zu führen“, sagt der Architekt und Stadtplaner Bert Burger. Foto: Manfred Bechtel

Von Manfred Bechtel

Heidelberg. Bert Burger wird an diesem Dienstag 80 Jahre alt. Seit Jahrzehnten engagiert sich der Handschuhsheimer für Stadtentwicklung und Denkmalpflege. Wenn er jetzt zurückblickt, erinnert er sich zugleich an viele Akteure der jüngeren Stadtgeschichte. Von jeher fasziniert ihn dieVergangenheit des Heiligenberges. Sein Eintreten war mitentscheidend für die Erhaltung der Kirchenruinevon St. Michael; seit Jahren ist er Vorsitzender der „Schutzgemeinschaft Heiligenberg“. Als Architekt gründete er mit einem Partner in den 1960er Jahren ein Architekturbüro, das heute von seinem Sohn geleitet wird. Bert Burger ist Träger der Bürgermedaille der Stadt Heidelberg und der Medaille der Stadt Montpellier. Anlässlich seines Geburtstags hat die RNZ ein Gespräch mit ihm geführt.

Herr Burger, wie kam es zu Ihrem Engagement für die Heidelberger Stadtentwicklung?

Zu Beginn der 1970er Jahre wollte der damalige Oberbürgermeister Zundel unter anderem einen dreispurigen Ausbau der B37 zwischen Altstadt und Neckar. Auch dachte er, die Altstadt wäre nicht zukunftsfähig. Nach seiner Sanierungsstrategie sollten große Teile abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Als Reaktion auf diese Ideen fand sich eine Gruppe junger Architekten und engagierter Bürger zusammen, die diese Art der Altstadtentwicklung heftig kritisierte. In diesem Zusammenhang wurde eine große Ausstellung im Heidelberger Kunstverein organisiert, die sich HDAD (HD ade) nannte, und ich habe einen Film gedreht mit dem Titel „Muss Heidelberg den Verkehrstod sterben?“. Diese Gruppe kritischer Bürger war sozusagen ein Vorläufer der späteren „Bürger für Heidelberg“.

Dann bekamen Sie Hilfe vom Gesetzgeber.

Nach dem Krieg wurde in den historischen Altstädten mehr Substanz zerstört als im Kriegselbst. Da griff der Gesetzgeber ein. Das „Städtebauförderungsgesetz“ sollte der Erhaltung eine Chance geben. Mittel von Bund, Land und Kommunen leiteten eine Revitalisierung von historischen Altstädten ein, insbesondere auch durch Wiederansiedlung von Familien mit Kindern in den alten Strukturen: Sie bekamen bis zu 37 Prozent der Baukosten geschenkt!

Was bedeutete das Städtebauförderungsgesetz für Heidelberg?

Da unser Büro zu dieser Zeit in Ladenburg konform mit den Zielen des Städtebauförderungsgesetzes eine prämierte Sanierung der Altstadt durchführte, bat OB Zundel uns zu einem Gespräch, obwohl ich ja ein Kritiker seiner Sanierungsideen war. In dem Gespräch konnten wir darlegen, dass für eine historische Altstadt ein Gesamtplanungskonzept nicht funktioniert, weil die einzelnen Quartiere doch sehr unterschiedlich strukturiert sind. Besser wäre es, sozusagen quartiersweise Sanierungsplanungen zu entwickeln. Wir konnten dies insbesondere am Beispiel von Kopenhagen erläutern. In diesem Zusammenhang schlug ich vor, den Auftrag zur Planung unterschiedlicher Quartiere an verschiedene Heidelberger Architekten zu vergeben.

Hatten Sie bei OB Zundel damit Erfolg?

Der Oberbürgermeister ließ sich tatsächlich überzeugen und startete mit ersten Testquartieren. So konnte eine Wende in der Sanierungsplanung eingeleitet werden. Auch Baubürgermeister Karl Korz stand hinter den neuen Ideen. Partner zur Durchführung war vor allem das Liegenschaftsamt, welches den Kauf von Häusern organisierte, um sie dann zum Beispiel an Familien mit Kindern weiterzuverkaufen. Das Amt organisierte auch die Sanierungsgespräche mit Eigentümern und Mietern, das heißt, es fand eine für Heidelberg im Grunde neue Bürgerbeteiligung statt. Das Rechtsamt leistete Unterstützung. Von großer Bedeutung bei der Durchführung war die Gesellschaft für Grund- und Hausbesitz (GGH) mit ihrer Gemeinnützigkeit und ihrem technischen Know-how. Heidelberg konnte zügig vier Sanierungsgebiete beschließen, so schnell war kaum eine andere Stadt.

Welche Aufgaben übernahm Ihr Büro?

Von uns wurden über 50 Häuser saniert, darunter das Projekt Reichspräsident-Friedrich- Ebert-Gedenkstätte. Überzeugungsarbeit beim Gemeinderat leisteten dazu die CDU unter dem Fraktionsvorsitzenden Raban von der Malsburg, OB Zundel und sein Mitarbeiter Günter Heinemann. Ein problematisches Quartier lag zwischen Kettengasse, Ingrimstraße und Zwingerstraße; es war total überbaut. Wir haben damals einen Grünbereich mit Kinderspielplatz vorgesehen und am Blockrand verschiedene Wohnhäuser für Familien mit Kindern. Hier lag auch die ehemalige Turnhalle des Helmholtz-Gymnasiums. Zusammen mit Intendant Stolzenberg und Bürgermeister Korz haben wir dort die Idee eines Jugendtheaters mit Probebühne geplant. In dieser Beziehung klappte die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und dem Kulturamt hervorragend, und gemeinsam mit dem designierten jungen Intendanten des Jugendtheaters, Christian Sorge, konnte ein Projekt realisiert werden, welches von den Kindern und Jugendlichen sehr gut angenommen wurde. Ein Haus in der Kettengasse konnte in enger Zusammenarbeit mit Vertretern der Stadt Montpellier zum „Montpellierhaus“ umgebaut werden.

Sind Ideen auch gescheitert?

Ja. Etwa die Verbannung des Durchgangsverkehrs vom Neckarufer hinein in einen Tunnel durch den Berg. Oder die Planung einer dringend notwendigen Brücke über den Neckar weiter westlich. Die historische Altstadt hatte lediglich eine Brücke – die „Alte Brücke“, aber mit jeder Erweiterungsphase nach Westen entstand eine neue Brücke, um neue Stadtteile vital zu verbinden. Die jüngsten Erweiterungen der Stadt nach Westen benötigen dringend ebenfalls eine Verbindung in Form einer Brücke, um Mobilität der Zukunft flexibel gestalten zu können.

Sprechen wir auch über Geschichte und den Heiligenberg.

Eine Stadt muss auch ein Ort von Identifikation sein. Es ist daher wichtig, zu begreifen, welche geschichtlichen Ereignisse und Strukturen sie geprägt haben. Historische Details sind in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege hervorzuheben und in die Zukunft zu tradieren. Neben Objektsanierungen in der Heidelberger Altstadt galt hier mein Interesse besonders der Geschichte des Heiligenberges, der bereits in der Keltenzeit eine Art Stadt und Verwaltungsort für die Region beherbergte, später dann eine fränkische Königsburg auf dem Gipfel, welche vom Kloster Lorsch zu den großartigen Klöstern umgebaut wurde, deren Ruinen man heute noch sehen kann. Die Bedeutung der Klöster auf dem Berg für die Entwicklung der Stadt gilt es immer wieder zu betonen. Mit der kleinen Kirche St. Vitus gründeten sie die älteste Pfarrei in Heidelberg. Sie entwickelten Handschuhsheim und Neuenheim zu einer Zeit, als Heidelberg lediglich als Fischerdorf bestand. Um diese wertvollen Ruinen auf dem Heiligenberg vor dem Verfall zu schützen und auch Restaurierungen zu ermöglichen, gründete der Heidelberger Archäologe Berndmark Heukemes die Schutzgemeinschaft Heiligenberg, deren Vorsitzender ich heute bin. OB Zundel und Baubürgermeister Korz zeigten Verständnis und wir haben 1978/79 gemeinsam mit unserem Büro ein Forschungsprogramm mit Restaurierungszielen formuliert. Das Resultat kann man heute oben auf dem Berg betrachten. Diese Arbeiten wurden durch Peter Marzolff archäologisch hervorragend betreut.

Hatten Sie ein Lieblingsprojekt?

Als Architekt hat man natürlich immer wieder „Lieblingsprojekte“. Ich denke da an das Rathaus in Ladenburg oder an das Octapharma-Gebäude in der Berliner Straße. Aber besonders an die über 1250 Jahre alte Kirchenruine der Stiftskirche Sunnisheim in Sinsheim. Wie auf dem Heiligenberg hatte dort schon zu römischer Zeit ein Tempel gestanden. Wir haben das historische Kirchengebäude durch einen modernen Anbau erweitert und dort ein Kulturzentrum realisiert, das sehr gut angenommen wird.

    Die Stiftskirche Sunnisheim hat Burger durch einen Anbau erweitert. Foto: Burger/Proksc

Welche Gedanken bewegen Sie angesichts Ihres „Achtzigsten“?

Dank an alle Menschen, die mir geholfen haben, ein bis heute so erfülltes Leben zu führen. Dazu gehören in erster Linie meine Familie, dann mein Freund und Büropartner Jürgen Borkowski, nicht zuletzt Berndmark Heukemes, der mir die Augen für die Tradierung von Geschichtlichkeit geöffnet hat, von Orten, die von Menschen bewohnt waren. Er führte mir bei Reisen im damaligen Königreich Libyen oder anderen Ländern in Nordafrika und im Vorderen Orient die Rolle des Orients für die Kultur des Abendlandes vor Augen. Ohne ihn hätte ich nicht als Grabungsarchitekt in Syrien am Euphrat gearbeitet oder zwölf Jahre lang spannende Reisen in verschiedene Länder des Orients gemacht. Erwähnen möchte ich auch, dass ich das Glück hatte, in Schweden und in Deutschland aufzuwachsen und auch zu arbeiten. In vielen Situationen, wenn verschiedene Standpunkte zu beachten waren, waren meine Erfahrungen aus zwei doch recht unterschiedlichen Kulturen sehr bereichernd.

 

 

 

RNZ 20./21.2.2021RNZ 20./21.02.2021

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RNZ 07.02.2021

Heidelberg

Die besondere Rolle des Heiligenbergs bei der „Keltenkonzeption“

Baden-Württemberg stellt mit einer „Keltenkonzeption“ die Vielfalt heraus, die das Land bei Fundstücken dieser zeitlich fernen Kultur aufweist.

​Der „Heidelberger Kopf“ (li.) gleicht der Fürstenstatue vom hessischen Glauberg im Kopfputz. Eigentlich eine Steinskulptur dient diese bereits als Vorbild für zahlreiche Kunststoff-Repliken (re.). Dieses Modell (großes Bild) zeigt die Befestigung der keltischen Großsiedlung Heuneburg. Sie gilt als die von Herodot erwähnte Stadt „Pyrene“ und ist Schwerpunkt des Förderprogramms „Keltenkonzeption Baden-Württemberg“. Fotos: KMH Kemmet / Hüll

 

Von Felix Hüll

Heidelberg. „Kann das sein? Guck mal, der sieht doch aus wie Micky Maus!“ Der Junge wendet sich fasziniert der Steinskulptur zu, einem menschlichen Kopf mit zwei Wulsten daran. Mit etwas Fantasie erinnern sie wirklich an Mausohren wie die der Walt-Disney-Comicfigur. Aber der Steinkopf ist erheblich älter: so ungefähr 2400 Jahre. Gefunden wurde er 1893 auf dem Grundstück Bergheimer Straße 50 – als Teil einer Männerstatue aus der sogenannten Frühlatènezeit ist er eine Hinterlassenschaft der Kelten in der Region um den Heidelberger Heiligenberg.

Er ist ein Symbol für Heidelbergs besondere Stellung innerhalb der „Keltenkonzeption“ Baden-Württembergs. Das ist ein Projekt, das die historische Bedeutung des Landes für diese Kulturepoche erfasst, bündelt und besser als bisher vermitteln will.

Dazu muss man wissen, dass die Kelten sich territorial nicht nach heute gültigen Grenzen von Staaten oder Nationen in Schubladen stecken lassen. Die keltische Kultur wird in einer Zeitspanne von etwa 800 vor Christus bis um die Zeitenwende verortet und erstreckte sich im Kern von Spanien, Frankreich über Süddeutschland bis hin nach Tschechien und Ungarn.

Wer waren die Kelten? „Sie sollen das erste europäische Volk gewesen sein, obwohl sie nie einen Staat, wie etwa das Imperium Romanum bildeten. Sie hatten vielfältige ethnische Identitäten.“ So erklärt es Renate Ludwig vom Kurpfälzischen Museum Heidelberg. Sie ist dort die Leiterin der Abteilung Archäologie und Denkmalschutz.

Woher rührt dieses Interesse an einer vergangenen Kultur, von der es im Vergleich etwa zur römischen oder mittelalterlichen Geschichte ungleich weniger Schriftzeugnisse und Fundstücke gibt?

Ludwig: „Je älter die Vergangenheit ist, desto symbolkräftiger wird sie empfunden. Die Kelten am Übergang zwischen Urgeschichte und der mit zeitgenössischen Quellen belegten Geschichte sind dafür ein hochaktuelles Beispiel.“ Die Kelten selbst haben keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Wir wissen relativ viel durch römische und griechische Autoren, die Zeitgenossen der Kelten waren. Das ist aber immer noch wenig genug. Es eröffnet der Fantasie jede Menge Spielraum. Und nicht alles, was über Kelten veröffentlicht wird, hält wissenschaftlichen Kriterien stand.

Ludwig: „Gerade in den letzten 30 Jahren ist die vermeintlich heile Welt der Kelten Gegenstand esoterischer Sehnsüchte und gilt als ’ganzheitlich’, ’authentisch’, ’naturnah’. Wir Archäologen sehen diese pseudofolkloristische Keltomanie mit Kopfschütteln.“

Nachgewiesen haben die Altertumswissenschaften in der Frühzeit der keltischen Kultur Fürstensitze und für eine spätere Periode stadtähnliche Siedlungen, „Oppida“ genannt. Aber jene „naturnahen“ Kelten rodeten auch die Wälder und trugen selbst untereinander ständig Konflikte aus.

Die Bilder von Druiden in harmonischem Einklang mit der Natur wie den Mitmenschen geht zurück auf romantische Bilder einer keltischen Gesellschaftsordnung. Ihren Ursprung haben sie im Irland des 17. Jahrhunderts. Von dort verbreiteten sie sich in Europa bis zu den heute im Internet anzutreffenden Druidenorden unterschiedlichster Couleur. Die Kelten selbst haben dazu keine Schriftquellen überliefert, und manche Fundstücke dokumentieren ganz andere Verhaltensweisen. Alexander Heinzmann ist Autor des Buches „Die Ringwälle auf dem Heiligenberg bei Heidelberg – Keltischer Fürstensitz oder Keltenstadt?“ Er glaubt, dass man dies von der Keltenzeit lernen könne: „Sie waren zweimal auf den Weg zu einer Hochkultur und sind zwei mal abgebogen. Die Gründe dafür sind unsicher.“ Aber verschwenderischer Umgang der Kelten mit natürlichen Ressourcen wie den Wäldern um die Oppida-Großsiedlungen gilt laut Heimatforscher Heinzmann als belegt – „und das ist etwas, was man aus dieser Zeit lernen könnte.“

Trefflich ließe sich so ein Nach-Denken in einem Museum anregen: Für den Ausbau bisheriger Angebote und Keltenschauplätze im Land sollen zehn Millionen Euro Fördermittel im Rahmen der Keltenkonzeption ausgegeben werden. Das hat die Landesregierung 2019 beschlossen. Für den Heiligenberg liegen zwar Pläne für Modernisierung und Ertüchtigung des bestehenden Keltenwegs vor. Sie reichen aber wohl noch nicht aus, um die entsprechenden Anträge mit Aussicht auf Erfolg stellen zu können.

Die zuständige Kunststaatssekretärin im Wissenschaftsministerium, Petra Olschowski, erklärt, dass noch im ersten Quartal (wohl im März) Vertreter des Ministeriums zu einem Vor-Ort-Termin nach Heidelberg kommen wollen, um mit den Antragstellern u.a. im Kurpfälzischen Museum die vorliegenden Konzeptentwürfe abzustimmen. Innerhalb Baden-Württembergs zeichnet den Heiligenberg der Blick über die (heutigen) Landesgrenzen aus: die Gegend hier soll in einer Beziehung zum Glauberg in Hessen gestanden haben wie auch der Donnersberg und Bad Dürkheim in Rheinland Pfalz.

Rein optisch legt dies schon der Fund der Glauberger „Fürstenstatue“ nahe – diese im Juni 1996 in einem Grabhügelumfeld gefundene Skulptur trägt eine ganz ähnliche Kopfbedeckung wie das Heidelberger Keltenhaupt. Die beiden Micky-Maus-Ohr-ähnlichen Wülste am Heidelberger wie Glauberger Kopf werden als Mistelblatt-Krone gedeutet. Sie kennzeichnen seinen Träger als hervorgehobenen einflussreichen Menschen, einen Krieger oder Wissenden, eventuell Druiden/Priester.

Eine solche Außenbeziehung der Siedlung auf dem Heiligenberg zählt zur Vielfalt keltischer Kultur auf dem Gebiet Baden-Württembergs. Sie ist bislang aber eher nur Fachleuten ein Begriff. Die Keltenkonzeption soll sie wie auch die Besonderheiten der anderen Keltenorte einem breiteren Publikum besser als bisher verdeutlichen und dazu einladen, sich das näher anzusehen..

Für Heidelberg ist dabei eine sanfte Erschließung des Heiligenbergs mittels eines „Keltenparks“ angedacht. Mit der Schutzgemeinschaft Heiligenberg und der Handschuhsheimer Geschichtswerkstatt um deren Keltenexperten Alexander Heinzmann entstand ein Entwurf. Ins Auge gefasst ist u.a. der Nachbau einer keltischen Pfostenschlitzmauer, wie sie inzwischen auch für die Ringwälle um den Heiligenberg nachgewiesen wurde.

Mit Hilfe einer App soll das erforderliche Hintergrundwissen über Heidelbergs Keltenzeit bereitgestellt werden. Die Umgebung wenig beeinträchtigende Pfosten könnten einen QR-Code tragen, der das Abrufen der entsprechenden Internetseite ermöglicht.

Nur: Wenn das Vorhaben gelingt, steht zu befürchten, dass zu viele neue Kelten-Fans mit dem Auto auf den Berg kommen. Der Heiligenberg als Kelten-Drive-In? Ludwig: „Das soll kein zweiter touristischer Hotspot wie das Schloss werden.“ Sie kalkuliert für dieses Projekt mit einem sechsstelligen Betrag. Sobald der Keltenkonzeption-Zuschlag bewilligt sei, könne man das Vorhaben im Zeitraum von bis zu drei Jahren verwirklichen.

Wer so lange nicht warten möchte, kann schon jetzt ein fertiges Museum besuchen: 140 Kilometer nördlich von Heidelberg befindet sich die „Keltenwelt am Glauberg“, die neben den lokalen Funden auch die Geschichte der Kelten allgemein nachzeichnet.

Info: www.verein-keltenwelten.dewww.mwk.baden-wuerttemberg.de (Stichwort: Keltenland)

Vielfalt keltischer Fundstätten in Baden-Württemberg:

1) Heuneburg – Herodots Keltenstadt „Pyrene“ – heute Freilichtmuseum, beschilderter Wanderweg, Museum Hundersingen nahebei, geplanter Ausbau als Schwerpunkt mit Besucherzentrum

2) Ipf – frei stehendes Berggipfelplateau, Freilichtanlage mit Gebäude-Nachbauten, Museum in Bopfingen, Besucherzentrum geplant

3) Heidengraben – größte befestigte spätkeltische Großsiedlung (Oppidum) Europas, Museum Grabenstetten, Erlebnispfad, Besucherzentrum geplant

4) Hochdorf – Fürstenprunkgrab: Museum ist bisher eine der umfassendsten Keltengeschichte-Präsentationen in Baden-Württemberg (geplant: digitale Ergänzungen), nahebei Hohenasperg/Ludwigsburg

5) Landesmuseum Württemberg – keltische Schwerpunktsammlung in Stuttgart

6) Finsterlohr – zwischen Tauberbischofsheim und Rothenburg gelegene Großsiedlung (Oppidum)

7) Magdalenenberg – Fürstinnen-Groß-Grabhügel, Keltenfunde im Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen (geplant: digitale Ergänzungen)

8) Keltenregion Breisgau – zentriert im Museum Colombischlössle Freiburg (geplant: digitale Ergänzungen), Oppidum „Tarodunum“ nahebei in Kirchzarten

9) Münsterberg Breisach – überbauter keltischer Fürstensitz,Grabhügel, Museum für Stadtgeschichte Breisach

10) Archäologisches Landesmuseum – Konstanz, Präsentation der allgemeinen Erkenntnisse der Landesarchäologie

11) Doppeloppidum Altenburg (D) und Rheinau (CH), keltisches „Handelszentrum“ veranschaulicht das weit verzweigte Netz keltischer Wirtschaftsbeziehungen

12 ) Heiligenberg Heidelberg – keltischer Mittelpunkt als Handelszentrum am Unteren Neckar, beschilderter Weg, Funde insbesondere neu der letzten Jahrzehnte im Kurpfälzischen Museum, (weitere digitale Ergänzung angedacht), Ausgrabungen Keltisches Handwerk Dossenheim des Landesamts für Denkmalschutz in Planung

13 ) Badisches Landesmuseum Karlsruhe u.a. mit „Heidelberger Kopf“ und modernen Präsentationsformen wie Virtual Reality

14 ) Donnersberg – Keltenweg, Siedlungs-Nachbauten, Museum (Rheinland-Pfalz)

15 ) Glauberg – hessisches Museum „Keltenwelt Glauberg“ sowohl mit allgemeiner keltischer Geschichte wie mit der von der überregionalen Bedeutung dieses Fürstensitzes, Rundwanderweg, Grabhügel

16 ) Bad Dürkheim (Rheinland-Pfalz) – Museum, „Heidenmauer“ Keltenstadt, Höhensiedlung, Fürstengrab (fhs)